Aufstellungsarbeit mit Pflegefamilien – neue Perspektiven für komplexe Familiensysteme
- Indigo

- vor 1 Tag
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Pflegefamilien leisten jeden Tag enorm viel. Sie bieten Kindern und Jugendlichen ein Zuhause, Stabilität und Beziehung – oft unter Bedingungen, die von Unsicherheit, emotionalen Belastungen und herausfordernden Vorgeschichten geprägt sind. Gleichzeitig bewegen sich Pflegefamilien in einem besonderen Spannungsfeld: Sie sind Familie im Alltag, aber gleichzeitig Teil eines größeren Systems aus Herkunftsfamilie, Jugendamt, Vormundschaft, Schule und therapeutischen Unterstützungsangeboten. Genau hier kann Aufstellungsarbeit eine wertvolle Methode sein, um Dynamiken sichtbar zu machen, Klarheit zu gewinnen und neue Handlungsmöglichkeiten zu entwickeln.
Was ist Aufstellungsarbeit?
Aufstellungsarbeit – häufig auch als Systemische Familienaufstellung bekannt – ist eine Methode aus der systemischen Beratung und Therapie. Ziel ist es, Beziehungen, Rollen und unbewusste Bindungen innerhalb eines Systems räumlich darzustellen. Dabei werden Personen oder Themen durch Stellvertreter*innen (in einer Gruppe) oder durch Figuren, Symbole oder Bodenanker (in Einzelsettings) repräsentiert. Durch das „Aufstellen“ wird sichtbar, wie ein System innerlich organisiert ist: Wer steht wem nahe? Wo gibt es Distanz? Wer trägt Verantwortung? Wer fühlt sich ausgeschlossen oder überfordert?
Das Besondere an der Aufstellungsarbeit ist, dass sie nicht nur über Probleme spricht, sondern sie erlebbar macht. Oft werden Dynamiken deutlich, die im Alltag schwer greifbar sind – insbesondere, wenn Emotionen, Loyalitätskonflikte oder traumatische Erfahrungen eine Rolle spielen.
Warum ist Aufstellungsarbeit im Pflegekinderbereich besonders hilfreich?
Pflegeverhältnisse sind selten „einfache“ Familiensituationen. Ein Pflegekind gehört emotional häufig mehreren Systemen gleichzeitig an. Es lebt im Pflegehaushalt, ist aber durch Bindung, Herkunft und oft auch durch ungelöste Erfahrungen weiterhin stark mit der Herkunftsfamilie verbunden. Pflegeeltern wiederum übernehmen Verantwortung, erleben aber manchmal das Gefühl, „nicht ganz dazugehören zu dürfen“, weil rechtliche Zuständigkeiten oder Loyalitäten im Raum stehen.
Aufstellungsarbeit kann helfen, diese Mehrfachzugehörigkeit zu würdigen und sichtbar zu machen, ohne dabei die Beteiligten gegeneinander auszuspielen. Stattdessen entsteht Raum für die Frage: Wie kann das Pflegekind seinen Platz finden, ohne dass andere Beziehungen verleugnet werden müssen?
Anwendungsmöglichkeiten in der Praxis
In der Arbeit mit Pflegefamilien kann Aufstellungsarbeit in unterschiedlichen Kontexten eingesetzt werden – etwa in Beratungsgesprächen, Fortbildungen oder begleitenden Hilfen zur Erziehung. Besonders sinnvoll ist sie bei wiederkehrenden Konflikten oder belastenden Situationen, zum Beispiel:
wenn ein Pflegekind starkes herausforderndes Verhalten zeigt
wenn Pflegeeltern sich erschöpft oder abgelehnt fühlen
wenn Herkunftseltern eine große emotionale Rolle spielen
wenn Umgangskontakte belastend verlaufen
wenn unklar ist, warum ein Kind sich nicht „einleben“ kann
In einer Aufstellung können zentrale Elemente wie Pflegekind, Pflegeeltern, Herkunftsmutter, Herkunftsvater, Geschwister, Jugendamt oder auch abstrakte Themen wie „Trauma“, „Angst“, „Loyalität“ oder „Schutz“ aufgestellt werden. Dadurch wird erkennbar, welche Kräfte im Hintergrund wirken und welche Beziehungen möglicherweise unbewusst das Verhalten beeinflussen.
Gerade bei Pflegekindern zeigt sich häufig ein innerer Konflikt: Das Kind möchte sich binden und ankommen, fühlt sich aber gleichzeitig loyal gegenüber der Herkunftsfamilie. Diese Loyalität kann sich in Rückzug, Wut, Selbstsabotage oder starken Schuldgefühlen äußern. Aufstellungsarbeit macht solche inneren Bewegungen sichtbar – und damit auch verständlicher.
Der Nutzen: Entlastung, Verständnis und neue Handlungsspielräume
Ein großer Gewinn der Aufstellungsarbeit liegt darin, dass Pflegeeltern häufig neue Erklärungen für das Verhalten des Kindes erhalten. Anstatt Verhaltensweisen ausschließlich als „Provokation“ oder „Undankbarkeit“ zu deuten, wird klarer, welche inneren Belastungen dahinterstehen können. Das führt oft zu mehr Empathie – und gleichzeitig zu mehr emotionaler Entlastung.
Auch Pflegekinder können profitieren, insbesondere wenn die Methode altersgerecht und behutsam angewandt wird. Sie erleben, dass ihre innere Zerrissenheit gesehen wird, ohne dass sie sich entscheiden müssen. Das stärkt Selbstwert und Zugehörigkeitsgefühl.
Darüber hinaus kann Aufstellungsarbeit helfen, Rollen zu klären: Pflegeeltern dürfen Eltern im Alltag sein, ohne die Herkunftseltern zu ersetzen. Herkunft bleibt Herkunft – und Pflege bleibt Pflege. Diese Klarheit wirkt stabilisierend, gerade in Situationen, in denen Grenzen, Zuständigkeiten und Verantwortungen verschwimmen.
Fazit
Aufstellungsarbeit bietet in der Arbeit mit Pflegefamilien eine kraftvolle Möglichkeit, komplexe Familiensysteme besser zu verstehen. Sie schafft einen Raum, in dem Beziehungen, Belastungen und Loyalitäten sichtbar werden – oft schneller und tiefer, als es allein durch Gespräche möglich wäre. Richtig angewandt kann sie Pflegefamilien entlasten, Bindung fördern und Pflegekindern helfen, ihren Platz zu finden. Gerade in einem Feld, in dem viele Ebenen gleichzeitig wirken, ist diese Methode ein wertvolles Werkzeug für mehr Klarheit, Mitgefühl und Stabilität.




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